Das bildkünstlerische Werk

Das Corpus von

DIETMAR J. PONERT: E.T.A. Hoffmann – Das bildkünstlerische Werk. Ein kritisches Gesamtverzeichnis. Band 1: Text, Band 2: Abbildungen. Hrsg. von der Staatsbibliothek Bamberg. Petersberg: Imhof 2012. 384 S. Text und 175 S. m. 198 Farb-Abb.

listet insgesamt 236 Nummern auf, darunter auch solche, deren Ausführung nicht gesichert ist. Es handelt sich um völlig unterschiedliche Werke, von einfachen, meist schnell „hingeworfenen“ Skizzen, Abbreviaturen, Piktogrammen bis zu minutiös ausgearbeiteten Bildern. Nachgewiesen davon sind 155, also zwei Drittel, überwiegend jedoch nur in alten Reproduktionen. Original erhalten sind nur wenige Zeichnungen, insgesamt 25, das meiste davon in Bamberg.

Die Vielfalt ist erstaunlich: Bleistift- oder Federskizzen, Karikaturen, Vorlagen für Publikationen, Entwürfe für Bühnenbilder, Porträt- und Personenzeichnungen, (vollständig zugrunde gegangene) Wandmalereien, jedoch keine Ölbilder. Ein charakteristisch-typisches Oeuvre ist nicht erkennbar. Wie bei der Musik auch, hat sich Hoffmann zudem theoretisch mit der Malerei auseinandergesetzt. Dass dieses Talent nicht zur Vermehrung des Lebensunterhalts beizutragen vermochte, hat er schon bald in Berlin erfahren müssen.

Ponerts Werk mit seinen bewundernswert detaillreichen Beschreibungen lädt geradezu dazu ein, die Reproduktionen genau zu betrachten. Es ermöglicht nun, das Schaffen im Ganzen zu überblicken und zu werten. Dabei fällt zunächst auf, dass es sich in Hoffmanns kurzem Leben in dem Maße wandelt, in dem das Literarische an Bedeutung gewinnt. Die Veränderung führt hin zur Buchkunst, insbesondere der Einbandillustration. Andere ausgearbeitete Werke finden sich eher in der früheren Zeit – die skizzenhafte Karikatur, Frucht des schnellen Erfassens witziger Gegebenheiten, bleibt weiterhin.

Bei den Themen ist erstaunlich, wie oft sich Hoffmann selbst porträtiert (mindestens zwanzigmal), oft sehr treffend. Erklärungsbedürftig ist dies insbesondere bei dem Bürgermilitär Bambergs (Nr. 97). Überhaupt sind oft der Detailreichtum und die Detailtreue hervorzuheben, die Genauigkeit, mit der bestimmte Gegenstände dargestellt sind. Dagegen ist manches verändert, wie die Tischdecke auf dem Kunz’schen Familienbild (Nr. 136), die im Original rechteckig ist. Bei der Selbstdarstellung als Kranker (Nr. 145) ist alles genau wiedergegeben. Das von Hoffmann in diesem Brief selbst so bezeichnete „Bett“ gibt aber Probleme von der Proportion her auf, stellt sich eher als eine kurze tiefe Bank dar. Den Händen auf dem Kunz’schen Familienbild hinwiederum hat Hoffmann trotz langer Beschäftigung keine besondere Sorgfalt zugewandt.

Die Größenverhältnisse der Personen auf diesem Bild (Nr. 136) sind so, dass man von einer Bedeutungsgröße ausgehen muss. Dem entspricht auch die Selbstdarstellung mit Adalbert Friedrich Marcus (Nr. 104). Wenngleich es kein anderes Bild in ganzer Figur von dem berühmten Mediziner gibt, muss man nach den erhaltenen Brustbildern eher von einer gedrungenen Figur ausgehen. Hoffmann selbst war bekanntlich – und wie er sich im Vergleich mit Kunz darstellt (Nr. 134) – von auffallender Kleinheit. Marcus stellt er geradezu heroisch dar (Nr. 104), wobei die Geste an Napoleon erinnert (der bekanntlich auch kein Riese war).

Wenn Hoffmann also trotz der Detailtreue bewusst Veränderungen gegenüber einer realistischen Darstellung vornimmt, darf man dies als „romantisch“ ansehen? Ein anderes Charakteristikum sei als das „Erzählende“ bezeichnet. Hoffmann hat ja Erzählungen nach Bildern geschaffen. Auf den Darstellungen von Schauspielern des Nationaltheaters (Nr. 84-86) finden sich kleinere „Nebenszenen“, die die Figur in ihrer Rolle zusätzlich charakterisieren. Auch die Details bei dem Kunz’schen Familienbild (Nr. 136) veranschaulichen Beruf und Hobby sowie die Beziehung des Künstlers zu seinem ersten Buchverleger (und dessen Frau?).

Ein karikierendes Moment wird von Ponert schon bei der Beschreibung herausgestellt. Es kann durchaus in liebenswürdigem Gewand daherkommen (Nr. 102), aber auch ins Bissig-Sarkastische umschlagen (z. B. Nr. 77), was im persönlichen Umgang mit Hoffmann durchaus festgestellt werden konnte. Bei dem Kanonikus Georg Stöhr (Nr. 100) ist durch zeitgenössisches Ölbild bzw. Aquarell nachzuvollziehen, was Hoffmann aus dem Bamberger Original gemacht hat (die Kunstbeilage Nr. 22, 1996, zum E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch erlaubt den Vergleich). Die Unterschrift „Cavallerie oder Infanterie?! –“ ist als bissiger Kommentar des Künstlers aufzufassen.

Ponert-Verzeichnis