E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft: Geschichte und Gegenwart

(Leicht veränderte Fassung eines Vortrags von Bernhard Schemmel auf der Tagung der ALG in Münster am 5. September 2015)

Kristallisationspunkt für die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft war die zweite Wohnung Hoffmanns, am Zinkenwörth Nr. 50. 1908 wurde hier, mittlerweile und bis heute am nach Schiller benannten Platz, eine Erinnerungstafel an der Hausfassade angebracht. Durch einen losen Kreis von „Verehrern“ wurde 1930 ein „E.T.A. Hoffmann-Museum“ in den beiden oberen Geschossen des schmalbrüstigen Hauses eröffnet. Eine Originalausstattung war nicht vorhanden. So hatte man Erinnerungsstücke gesammelt, Erstausgaben, Autographe, Bilder von Lokalitäten und Persönlichkeiten, Fotos von Aufführungen, Illustrationen usw. Zielsetzung der Präsentation war „E.T.A. Hoffmann in Bamberg“. Der Fremdenverkehrsgedanke spielte eine nicht unerhebliche Rolle. Der Gründer, der Verlagsbuchhändler Dr. Wilhelm Ament, veröffentlichte in dieser Zeit (1929) einen Stadtführer mit dem beziehungsreichen Titel: „Bamberg, die fränkische Kaiser- und Bischofsstadt, die Stadt der Romantik und des E.T.A. Hoffmann“.
Im Dritten Reich führte im Rahmen nationalsozialistischer Bildungspolitik eine Reise von Dichtern verschiedener „Gaue“ auch nach Bamberg. Aus ihr bildete sich – befördert durch den Oberbürgermeister – der „Bamberger Dichterkreis“. Unter seiner Mitwirkung wurde 1938 die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft gegründet. Zwar wurde Hoffmann von der NS-Ideologie kaum vereinnahmt, und die Aktivität des Kreises war auch nicht in erster Linie auf ihn ausgerichtet, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Immerhin wirkte der Dichterkreis bei seinen Treffen an Veranstaltungen mit, die auch im Rahmen von „Kraft durch Freude“-Programmen im E.T.A. Hoffmann-Haus durchgeführt wurden. Außerdem war er an dem Periodikum, den „Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft“, beteiligt.
Zum Ende des Weltkriegs kamen solche Aktivitäten zum Erliegen. Danach trat eine Stagnation ein. Erst 1958 wurde die Gesellschaft fortgeführt, seit 1969 als eingetragener Verein. Die gesellschaftseigenen Sammlungen vertraute man in der Zeit der Staatsbibliothek Bamberg an. Diese erklärte E.T.A. Hoffmann zum Sondersammelgebiet; sie betreut und erweitert es bis heute. Neben der Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz hütet sie die umfassendsten Sammlungen von und zu E.T.A. Hoffmann. Ein integriertes Bestandsverzeichnis der Unikate, Rarissima und Rara bleibt ein Desiderat. Das E.T.A. Hoffmann-Haus ist im eigentlichen Sinn kein Museum, da es keine Sammlungen hat – von wenigen Ausnahmen abgesehen.
In der Nachkriegszeit gab es im Haus keine musikalisch-literarischen Veranstaltungen mehr. Das hat verschiedene Gründe, u.a. das Fehlen eines geeigneten Instruments. Erst 2011 erhielt die Gesellschaft ein bespielbares Pianoforte als Leihgabe. Es entspricht dem von Hoffmann gebrauchten Hammerklavier, wie sein Selbstbildnis als Kapellmeister Kreisler in Haustracht mit der Undine-Partitur zeigt. Bis 2007 wurde das Haus ganz E.T.A. Hoffmann gewidmet. Eine Neukonzeption nach museumspädagogischen und museumsdidaktischen Gesichtspunkten war schon 1999 und 2003 nach dem Konzept des Bühnenbildners Wolfgang Clausnitzer unter namhafter ALG-Förderung vorgenommen worden. Sie erfolgte im Wesentlichen durch Installationen und wurde seitdem in vielen Details verbessert. Die Präsentation erschließt sich umso mehr, je besser der Kenntnisstand der Besucher ist. Sinnlich erfahrbar ist auch der u.a. mit Texttafeln gestaltete Garten nach dem Zaubergarten des Archivarius Lindhorst im „Goldenen Topf“. Ausdruck des Wandels war insbesondere, dass der enge Bamberg-Bezug der Ausstattung aufgegeben wurde.
*
Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft hat derzeit ca. 435 Mitglieder im In- und Ausland. Die Mitgliederzahl ist seit einigen Jahren relativ konstant, die Fluktuation durch Tod bzw. Austritt wird durch Neuaufnahmen ausgeglichen. Unter den Mitgliedern sind 55 Institutionen, etwa 12%; sie beziehen im Prinzip nur das E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch zum verbilligten Mitgliedsbeitrag von 30 €. Der feste Ladenpreis bei 160 S. Umfang ist derzeit 39,80 €. Von den ca. 380 persönlichen Mitgliedern zahlt etwa 10% (im Wesentlichen Studenten) den halben Mitgliedsbeitrag. Da früher das Geburtsdatum bei der Aufnahme nicht abgefragt wurde, ist eine weitergehende Aussage über die Altersstruktur der Mitglieder nicht möglich.
Die „Mitteilungen der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft“ im Eigenverlag hatten sich bis 1991 zu einem respektablen wissenschaftlichen Periodikum entwickelt. Ab 1992/1993 wurden sie durch das E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch im Erich Schmidt Verlag fortgeführt. Durch diesen Übergang sollte die internationale Verbreitung gesichert werden. Der Verlag verkauft das Jahrbuch auch auf eigene Rechnung; in den letzten Jahren war das ein knappes Viertel der verkauften Auflage. Laut Satzung erhält jedes Mitglied das Jahrbuch als Jahresgabe. Der Mitgliedsbeitrag konnte seit der Euro-Umstellung konstant gehalten werden.
Den Mitgliedern wird im Jahrbuch in der Regel eine Kunstbeilage gegeben. Manchmal sind stattdessen eigene kleinere Publikationen getreten. Wenn man das Preis-Leistungsverhältnis auf einen kurzen Nenner bringen will, so ergeben die Mitgliedsbeiträge gerade so viel, dass die Kosten für das Jahrbuch einschließlich Versand beim Verlag gedeckt sind. Die Mitglieder erbringen materiell also nichts für das E.T.A. Hoffmann-Haus; bei einem Besuch haben sie selbstverständlich freien Eintritt.
Das Haus ist durch Schenkung in das Eigentum der Stadt Bamberg gekommen. Die verwaltende Stadtbau GmbH verlangt von der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft eine (freilich nicht sehr hohe) Miete. Dafür erhält die Gesellschaft von der Stadt Bamberg eine institutionelle Förderung. Dieser Betrag deckt Miet- und Energiekosten.
Das Haus ist im Sommerhalbjahr, also vom 1. Mai bis zum 1. November, täglich (außer Montag) 2 Stunden geöffnet. Die Kosten für die Aufsicht werden von den Museen der Stadt Bamberg übernommen, die allerdings budgetiert sind. Die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern darf die Gesellschaft behalten.
*
Die Ausführungen haben hinlänglich deutlich gemacht, warum E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und E.T.A. Hoffmann-Haus engstens verbunden sind, bisher auch in Personalunion geleitet wurden. Ist die regionale Bindung in Zeiten der weltweiten Kommunikation und des Internet aber weiterhin sinnvoll? Die Homepage der Gesellschaft ist schon längst der Knotenpunkt für Informationen und Anfragen aus aller Welt.
Der Präsident müsste nicht mehr am Sitz der Gesellschaft, in Bamberg, wohnen. Für das Haus ist dagegen ein örtlicher Repräsentant unabdingbar. Es wäre dies der Versuch einer praktikablen Arbeitsteilung, nicht der Anfang der Trennung beider Bereiche. Die Satzung soll außerdem die Gründung von Ortsgruppen ermöglichen. Für Berlin wäre das die Institutionalisierung der Praxis.
Beim E.T.A. Hoffmann-Haus sind die Verbesserungen innerhalb der jetzigen Konzeption zu einem gewissen Ende gekommen; die Halbwertszeit der Gestaltung ist ohnehin längst überschritten. Erst mit dem Abschluss der Neugestaltung wurde auch die Darstellung in Führern, Faltblättern u.a. Werbeträgern möglich, zu der eine geschichtliche Zusammenstellung „In Hoffmanno!“ kam. Ob die bisherige Zurückhaltung bei audiovisuellen Medien oder Guides aufgegeben werden soll, ist nicht zuletzt eine Frage der Finanzen und der Betreuung.
Unbefriedigend sind weiterhin die Öffnungszeiten: sie sind der Stellung E.T.A. Hoffmanns in der Weltliteratur und des Hauses als einziger Gedenkstätte unwürdig. Eine Änderung wird angestrebt. Für eine Öffnung während der Winterszeit müsste das nicht heizbare Haus temperiert und saniert werden.
Außer den Sonderausstellungen soll es regelmäßige musikalisch-literarische Veranstaltungen geben (bisher sind Lesungen von Andreas Ulich in eigener Verantwortung angeboten worden). Das Problem dabei bleibt, dass das Haus zu klein ist. Im Vergleich von Aufwand und Eintritt bei 20 bzw. 40 möglichen Besuchern rechnen sich derartige Veranstaltungen also nicht. Im Rahmen des kulturellen Angebots der Stadt Bamberg bedürfte E.T.A. Hoffmann entschiedenerer Förderung.
*
Zum Schluss einige offene Gedanken:
• Das Multitalent E.T.A. Hoffmann wird heute überwiegend als Literat wahrgenommen, der Komponist ist immer noch im Hintergrund, vom Zeichner ganz zu schweigen, den Juristen nehmen sich in erster Linie pensionierte Richter vor.
• Fehlende Sammlungen im Haus und die Betreuung außerhalb (wenn auch lange in Personalunion) sind für profilierende Forschungsarbeit nicht gerade förderlich.
• Unbefriedigende Öffentlichkeitsarbeit hat Rückwirkungen auf die (regionale) Akzeptanz.
• Die Spannung zwischen Regionalität oder sogar Provinzialität und Weltoffenheit bleibt für das Haus trotz des Internet bestehen.
• Ist die Ehrenamtlichkeit bei Gesellschaft und Haus auf Dauer zu halten? Die persönliche Prägung war in Zeiten des Wechsels schon immer aufregend – und dieser bietet die Chance zum Neubeginn!